"...geopfert im Stacheldrahte des Vaterlandes"

Leonhard Frank und der Erste Weltkrieg. Vortrag und Lesung.

Donnerstag, 25. September, um 20 Uhr
Literaturhaus Schleswig-Holstein, Schwanenweg 13, 24105 Kiel

 

Leomhard Frank, 1929.
Leomhard Frank, 1929.

Der Schriftsteller Leonhard Frank war einer der wenigen, die dem patriotischen Taumel zu Beginn des Ersten Weltkriegs widerstanden. Als 1915 ein Journalist die Versenkung des britischen Passagierschiffs Lusitania als „größte Heldentat der Menschheitsgeschichte“ feierte, ohrfeigte Frank ihn und reiste in die Schweiz aus.

Während der Zeit seines Exils schrieb er die Texte seiner Novellensammlung „Der Mensch ist gut“, für die er 1918 von Heinrich Mann den Kleist-Preis zugesprochen bekam. Diese Sammlung ist ein Fanal gegen den Krieg, wurde auf abenteuerlichen Wegen nach Deutschland geschmuggelt, auch von Soldaten an der Front gelesen.

Frank war zeitlebens Pazifist und Antifaschist. Er flüchtete 1933 ein zweites Mal ins Exil. Seine Werke wurden Opfer der Bücherverbrennung.
Der Referent wird Texte von Leonhard Frank lesen und sie in den biographischen und zeitgenössischen Kontext einbetten.

Zum Referenten: Lorenz Gösta Beutin ist Historiker und Mitglied der Leonhard-Frank-Gesellschaft.

Eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Schleswig-Holstein und des VS Schleswig-Holstein (ver.di).

Ergänzende Informationen:

1. Die Arbeit der Leonhard-Frank-Gesellschaft (LFG) ist sehr wichtig und verdienstvoll. Ihre Homepage.

2. Auf Initiative der LFG ist die Aktion "Würzburg liest ein Buch" in diesem Jahr zustandegekommen, mit Lesungen, Theateraufführungen, Kunstaktionen, Behandlung im Schulunterricht usw. Gelesen werden die "Jünger Jesu", ein sehr bedeutendes Buch von Leonhard Frank, wie ich finde. Das so viele Institutionen sich bereit erklärt haben, sich mit diesem Nachkriegsroman, der in aller Schärfe die deutsche Schuld, den nach 45 wieder auftretenden Antisemitismus und das Schicksal einer Holocaust-Überlebenden thematisiert, ist sehr bemerkenswert! Ob so eine Aktion bezogen auf einen fortschrittlichen pazifistischen und antifaschistischen Autor in dieser Größenordnung bei uns im Norden möglich wäre?

www.facebook.com/wuerzburgliest
http://wuerzburg-liest.de/

3. Sogar der "Bayrische Rundfunk" hat sich intensiv und ernsthaft mit Leonhard Frank auseinandergsetzt und verschweigt nicht die peinliche Missachtung, die Frank lange Jahre in der Bundesrepublik entgegengebracht wurde:

http://www.br.de/nachrichten/unterfranken/wuerzburg-liest-leonhard-frank-100.html

4. Lesung aus "Der Kellner" von Leonhard Frank:

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiotexte-das-offene-buch/peter-fricke-liest-der-kellner-100.html

5. "Emigrant in der Heimat". Artikel zum Umgang mit Leonhard Frank nach seiner Rückkehr nach Deutschland, als Ausdruck der politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit:

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/land-und-leute/der-schriftsteller-leonhard-frank-in-muenchen-voswinckel106.html

6. Abschließend zwei Einschätzungen zu Leonhard Frank und seinem Werk:

- aus Hans Steidle: Zwischen allen Stühlen:

„Es gibt Menschen, die sich in ihrem Leben nicht auf einen, oder vielleicht auf zwei Stühle setzen, um einen festen Standpunkt oder Lebensmittelpunkt zu gewinnen. Bei Leonhard Frank war das so, er setzte sich immer zwischen die Stühle, vielleicht, weil die Anzahl der Stühle, die das Leben ihm anbot, einfach nicht ausreichte, weil die angebotenen Stühle nicht passten oder vielleicht weil Frank ein fränkischer Querkopf war.“

„Es erging Frank wie vielen seiner emigrierten Kollegen, dass sie in Westdeutschland nicht mehr gefragt waren, vielleicht weil sie an die nationalsozialistische Diktatur und ihr Unrecht erinnerten, woran die Mehrheit der Deutschen gar nicht erinnert werden wollte. Verdrängen und Vergessen lautete die Devise. In diese Strömung allerdings passte der Linksdemokrat Frank überhaupt nicht, der die konsequente Aufdeckung der NS-Verbrechen und die Bestrafung der Schuldigen forderte und hierzu mehrere Geschichten schrieb.“

http://www.leonhard-frank-gesellschaft.de/Sekundaerliteratur/zwischen_allen_stuehlen.pdf

- aus Hans Steidle, Vom ganzen Herzen links:

„Soll man einen Autor lesen, der sein letztes bedeutendes Werk vor mehr als einem halben Jahrhundert publiziert hat? Zu Beginn des dritten Jahrtausends herrschen politisch Desillusionierung und Ratlosigkeit gegenüber den Herausforderungen des sozialen und wirtschaftlichen Wandels. Linke Utopien und Visionen werden belächelt, für Reaktionen von Frustrierten und Tagträumern gehalten. Die 68er Generation hat spätestens mit dem rotgrünen Projekt die Visionen verloren und die Niederungen der Realpolitik schlecht und recht durchgestanden. Neoliberale Strategien und Konzepte predigen den Sozialabbau als Ausweg aus der gegenwärtigen Transformationskrise der deutschen Wirtschaft, die eine hohe strukturelle Arbeitslosigkeit zur Folge hat. Neben dem Heranwachsen neuer kapitalistischer Volkswirtschaften, in denen der Faktor Arbeit noch extrem billig ist wie in dem ehemals sozialistischen China werden die hohen Sozialstandards in Deutschland verantwortlich gemacht. Linke und rechte Zivilisationskritiker beklagen das Fehlen verbindlicher Werte und den Rückgang sozialer Zusammenhänge und Vernetzung in der Gegenwartsgesellschaft. Der Politik wird eine immer geringere Lösungskompetenz für existenzielle Herausforderungen unserer Gegenwart zuerkannt.

Meine Antwort kann nur persönlich und politisch sein, sie ist keine wissenschaftlich erwiesene Aussage. Ich habe durch die Auseinandersetzung mit seinem Werk gelernt, dass es leichter ist, die Schwächen eines literarischen Werkes, das positive Antworten aufzeigen will, zu ironisieren. Damit nimmt man sich den unbefangenen Blick auf einige humane Anliegen, die Leonhard Frank immer wieder anspricht. Respekt gebührt einem Mann, der sich aus der Unterschicht ohne eine kulturelle Erziehung und Tradition zunächst zum Maler, dann zum Schriftsteller erzieht, der versucht, seine Vision, seine innere Gegenwelt zu gestalten und zu vermitteln. Er objektiviert durch das epische Schreiben seine Lebenserfahrungen und lässt sie in Handlungen und Figuren einfließen. Diese anstrengende künstlerische Arbeit macht er zu seinem Beruf. Er arbeitet an sich, bleibt unangepasst in seinem Denken und versucht die Grenzen, die den Menschen in der Gesellschaft gesetzt werden, zu erweitern. Dies führt zum stetigen Engagement, dem Willen zur Einflussnahme. Damit steht Franks Werk als Beispiel gegen politische Apathie und Politikmüdigkeit.“

http://www.leonhard-frank-gesellschaft.de/Publikationen%20LFG/Schriften15_fazit_links.pdf